D. Martin Luther

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Fausel, Heinrich: D. Martin Luther

Es ist kaum vorstellbar, welche Anspannung an diesem Spätwinterabend im Reichstag zu Worms geherrscht haben muss. In den ersten Abendstunden des 18. April 1521 ist in dem grossen, mit Kerzenlicht erhellten Auditorium des Bischofshofes kaum mehr Platz, es herrscht ein dichtes Gedränge. Der Hofstaat um Kaiser Karl V., zahlreiche Landesfürsten, sowie Würdenträger der heiligen römisch-katholischen Kirche haben sich versammelt um den aufsässigen Augustinermönch aus Wittenberg zu hören. Wird dieser widerborstige Prediger seine ketzerischen, gegen Papst und Kirche gerichteten Behauptungen endlich widerrufen?

Martin Luther, der sonst entschlossen und selbstsicher auftretende Gelehrte, auf den alle Augen gerichtet sind, wirkt verunsichert. Denn in der kaiserlichen «Zitation» nach Worms war nur von einer Befragung zu Luthers Schriften die Rede. Kein Wort aber von einem Widerruf. Luther zögert. Und es wundern sich nicht nur seine Anhänger, als er sich mit leiser, verängstigter Stimme für die Antwort einen Tag Bedenkzeit erbittet. Ist sich der streitbare Mönch seiner Sache nun plötzlich nicht mehr sicher? Geht die Rechnung der Gesandtschaft aus Rom auf, den Unruhestifer mit einer geballten Machtdemonstration zur Räson ztu bringen?
Keineswegs. Denn am folgenden Abend, den 19. April 1521, tritt Luther mit der Entschlossenheit auf, die seine Freunde bewundern, seine Feinde fürchten. Als er die Erlaubnis zum Sprechen bekommt, teilt Luther seine Schriften in drei Gruppen ein: erstlich erbauliche Texte über den christlichen Glauben, ferner Schriften gegen den Papst und seine Irrlehren. Und endlich Texte gegen einzelne Personen, die die römische Tyrannei stützen. Dann bietet Luther an, auf der Stelle zu widerrufen, wenn ihn jemand durch das Evangelium oder durch die Propheten des Irrtums überführen kann: «Ich will auf das allerwilligste bereit sein, so ich dessen überwiesen werde, alle Irrtümer zu widerrufen und der allererste sein, meine Bücher in das Feuer zu werfen;»

Mit dieser Antwort sind die Richter indes nicht zufrieden und so fordert der kaiserliche Sprecher Luther auf eindeutig und unumwunden zu sagen, ob er widerruft oder nicht!

Der Druck, der auf dem Reformator gelegen haben muss, ist kaum vorstellbar. Martin Luther war an einem Punkt angekommen, an dem er den wichtigsten Entscheid seines Lebens zu treffen hatte. Wenn er nicht widerruft, ist sein Leben in grösster Gefahr. Und eine Abspaltung von der katholischen Kirche wäre unvermeidbar. Gerade das wollte Luther ürsprünglich gar nicht. Alle versammelten Aristokraten und Kirchenfürsten warteten angespannt, teilweise mit finsterer Miene auf die Antwort des Mönchs. Wird Luther, in die Ecke gedrängt, endlich widerrufen oder bleibt er standhaft?

Luther widerruft nicht! Er hält kühn an seiner Forderung fest, man möge ihn durch Schriftzeugnisse des Irrtums überführen. Ansonsten sei er an das Evangelium gebunden, könne und wolle nicht widerrufen.

«Dass ich aber Baccalaureus und Magister wurde, dann das braune Barett ablegte, andern überliess und Mönch wurde,… und dass ich dann trotzdem dem Papst in die Haare geriet und er mir wieder, das ich eine entlaufene Nonne zum Weibe nahm, – wer hat das in den Sternen gelesen?»
(Klappentext)

Das Verhör am Wormser Reichstag ist nicht nur in der Geschichte eine Zäsur von allergrösster Bedeutung für die weitere Entwicklung Europas. Auch in vielen Luther-Biographien bildet das Ereignis in Worms die Mittelachse, um die das Leben und Wirken des grossen Reformators erzählt wird. Einem der zahlreichen Werke über Martin Luther kommt indes ein besonderer Platz zu: es ist das Werk des Kirchenhistorikers Heinrich Fausel. In seiner Biographie werden die historischen Momente in Worms vor den Augen des Lesers besonders lebendig, weil Fausel den Reformator selbst zu Wort kommen lässt. Luther soll nicht in künstlichen Bildern dargestellt werden, sondern selbst zu Wort kommen. Wir können uns erst dann ein lebendiges, authentisches Bild von ihm machen, wenn wir seine Stimme hören. In seiner vortrefflichen Biographie hat Fausel eine grosse Zahl an Tischreden, Briefen und anderen Texten Luthers gesichtet, kommentiert und durch eigene Beiträge zu einem einheitlichen Geschichtswerk verbunden. So sind zu den Ereignissen rund um Worms Auszüge aus Briefen von Martin Luther wiedergegeben. Diese vermitteln eindrücklich und und bildhaft die Momente, in denen Luther auf einem Wagen in der von Menschen überfüllten Reichsstadt einzieht und sich auf die Begegnung mit dem Monarchen vorbereitet. Wie er dann durch dichtes Gedränge durch einen Hintereingang in den Saal geführt wurd, um dort vor dem jungen Kaiser des deutschen Reiches zu stehen.

Fausels umfangreiches, zweiteiliges Werk ist in dieser Ausgabe erstmals in einem Band erhältlich. Der erste Teil schildert Luthers Leben bis zum Reichstag in Worms. Im Brennpunkt des zweiten Bandes stehen die weitere Entwicklung des reformatorischen Werkes, der Bauernkrieg und die Entstehung der reformierten Kirche.

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