Die Zeit und das Glück

In meinem Blog gab es schon einmal einen Beitrag mit diesem Titel. Mir gefällt diese Überschrift, denn je mehr ich über diese beiden Begriffe nachdenke, desto klarer wird der feste Zusammenhang, der die beiden miteinander verbindet. Da ist zum ersten die Zeit. Von ihr ist uns für unser eigenes Leben nur ein beschränktes Mass gegeben. Wir wissen nicht einmal, wieviel es sein wird. Gerade deshalb ist die Zeit ein so wertvolles Gut; wir sollen bewusst damit umgehen und danach streben, sie mit Sinn und Gehalt zu erfüllen. Ein sinn-erfülltes Leben – gibt es jemanden auf dieser Erde, der sich das nicht wünscht? Oder: für unser Lebensglück ist es wichtig, darauf zu achten wie wir unsere Zeit nutzen, was wir aus jedem neuen Tag machen. Daran ist durchaus nichts neues, das Nachdenken über die Zeit ist so alt wie die Menschheit selbst. Von Arthur Schopenhauer, dem grossen deutschen Denker des 19. Jahrhunderts stammen einige der schönsten Gedanken zu diesem Thema. Schopenhauer mahnte unter anderem daran, besonders die ersten Stunden eines neuen Tages zu nutzen. Denn der frische Morgen gleiche der Jugend unseres Lebens. Es sei daher wichtig, ihn nicht zu verschlafen. Und Seneca, den seine Gemütsruhe nicht immer von der pulsierenden Hektik der römischen Metropole schützen konnte, stellte fest: wir haben nicht zu wenig Zeit, wir vergeuden zuviel!

Und da ist das Glück. Wer möchte nicht glücklich sein? Möchte nicht, dass sein Lebensweg ihn aufwärts führt, zum Parnass der Glückseligkeit. Wer hin und wieder eine Wanderung in der Schweiz unternimmt, kennt die Wegweiser, die in schöner Regelmässigkeit bei Kreuzungen, Verzweigungen und Pässen anzutreffen sind. In der Schweiz sind diese gelben, mit Ort, Distanz und Wegzeit beschrifteten Wanderwegweiser zum Sinnbild für Richtung und Ziel geworden. Welchen Weg wollen wir gehen? Oder, genauer bestimmt für unser Thema: welcher Weg führt uns zum Glück des menschlichen Daseins? Damit sind wir bei der Frage aller Fragen angelangt. Bei der Frage, die den tiefsten Grund unserer Existenz berührt und deshalb zu allen Zeiten im Mittelpunkt menschlichen Denkens stand. Welchen Weg müssen wir einschlagen? Wenn wir diese Frage stellen, begeben wir uns damit – ob wir nun wollen oder nicht – an eine Wegkreuzung. Denn, was die Glückseligkeit ausmacht und wie sie zu finden sei, darüber gehen die Meinungen auseinander. Dies hat schon Aristoteles in der Einleitung seiner nikomachischen Ethik festgestellt: „was aber die Glückseligkeit sei, darüber streiten sie und die Leute sind nicht derselben Meinung wie die Weisen.“

Und da wir gerade bei Aristoteles angelangt sind: was würde er wohl auf einen der Wegweiser geschrieben haben als sicheres Rezept für ein glückseliges Leben? In seinem grossen, oben erwähnten Werk finden wir die Antwort: der Weise aus Stagira entdeckte, dass jedes Lebewesen nach der ihm eigentümlichen Vervollkommnung strebt. die Pflanze bespielsweise will wachsen, gedeihen und blühen. Hier findet sie ihre Vollendung, ihr Glück als Pflanze. Fuchs, Pferd und Rabe streben danach, die ihnen von der Natur gegebenen Leistungen zur Vollendung zu bringen: dort die Entwicklung des schlauen, gerissenen Jägers. Und der Stärke und Laufkraft und Schnelligkeit. Hier der geschickte Flieger und sichere Nestbauer. Wenn dieses Streben nach Vollendung und Entfaltung auf den Menschen übertragen werden soll, muss die Frage beantwortet werden: welches ist die eigentümliche Leistung des Menschen? Was ist es, das sein Mensch-Sein ausmacht? Aristoteles antwortet: es ist die Denkkraft, die vernunftgemässe Tätigkeit der Seele. Es ist das Streben danach, sich als denkender und vernünftig handelnder Menschen zu entwickeln und entfalten. Zugegeben, das mag etwas abstrakt klingen. Aber, wenn das Gesagte vor dem Hintergrund der begrenzten Zeit betrachtet wird, nimmt es Gestalt an: Der Weg zur Glückseligkeit ist gesäumt von den guten, menschlichen (mensch-gemässen) Taten und Werken. Der Weg ist gepflastert mit unserem Streben, alle unsere Fähigkeiten, Talente, unsere Kreativität und Phantasie nicht verkümmern zu lassen sondern sie unter guter Nutzung der Zeit wachsen und gedeihen zu lassen.

Wie könnte das anhand eines Beispieles aussehen: dazu können wir sogar in der Zeit des Aritoteles bleiben. Von den sieben Weisen der griechischen Antike gibt es eine reizvolle Anekdote: derzufolge sollen sich die sagenumwobenen Denker einmal in Delphi, beim berühmten Orakel des Apollo getroffen haben. Der Priester des Tempels hiess die berühmten Denker willkommen und bat jeden von Ihnen, an der Tempelwand eine Maxime zu hinterlassen. So soll Chilon von Sparte als ersts über der Pforte des Heiligtums die berühmten Worte eingemeisselt haben: „Erkenne dich selbst.“. Wer die ganze Geschichte lesen möchte, der findet sie in der Geschichte der griechischen Philosophie von Luciano de Crescenzo. Pittakos soll folgende geschrieben haben: „Erkenne den rechten Zeitpunkt.“ Das kann nicht nur als Hinweis darauf verstanden werden, zu erkennen, wann für ein Vorhaben der rechte Moment gekommen ist, so wie es auch der Prediger Salomo empfiehlt. Gewiss ist es auch eine Anempfehlung an den bewussten Gebrauch der Zeit. Daran, die Zeit als ein wertvolles Gut zu betrachten, das nicht verschwendet werden darf. Wie nutzen wir dieses Gut aber sinnvoll? Auch Thales war in Delphi dabei. Und das, was er schrieb, birgt die Antwort auf diese Frage: „Gedenke der Freunde.“ Gute Freundschaften gehören zum Wertvollsten im Leben. Auch deshalb, weil wir in der Freundschaft durch gegenseitiges Nehmen und Geben wachsen, und selbst als wertvolles Glied einer Gemeinschaft entfalten können.

Meine Betrachtung wäre nicht vollständig, wenn sie nicht auch eine Hinwendung auf Gott enthalten würde. Unser aller Leben liegt letztendlich in seiner Hand. Und wenn wir in unserem Leben an einer wichtigen Wegscheide angekommen sind und entscheiden müssen, wie es weiter gehen soll, dann lädt er uns ein, ihn zu fragen. Gott ist bei uns. Und wenn wir ihn mit reinem Herzen um eine Antwort bitten, dann dürfen wir auf eine Antwort hoffen. Dies hat er versprochen. Worin aber besteht der Weg, das Glück durch Gott zu finden? Diese Frage stellten schon die Pharisäer, die am Ufer des Jordan standen und hörten, wie der Täufer Johannes sie zur Umkehr aufrief: „was sollen wir tun?“ Die Antwort, die der Täufer gab, wurde kurz darauf von Jesus Christus in all seiner Grösse und Kraft verdeutlicht: um Gott kennenzulernen und damit das grösste Lebensglück zu finden, braucht es keine Tempel und Kathedralen, keine aufwendige Religion mit Ritualen und Zeremonien, keine Traditionen und Priesterhierarchien. Was es aber braucht, ist eine vetrauensvolle Rückkehr zu Jesus Christus, durch den sich Gott als ein liebender, gütiger Vater erweist. „Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, wird nicht umherirren, sondern das Licht des Lebens haben.“ Das sagt Jesus Christus. Er ist gekommen, um uns auf dem Weg zum Glück ein Licht hochzuhalten, damit wir auf dem sicheren Weg bleiben.

Wie aber steht es mit der Zeit? Hat Gott für unsere Sorgen und Fragen Zeit? Bei Jesus ist diese Frage leicht zu beantworten. Als er auf dem Weg nach Jerusalem war und viele Menschen ihn umringten und seine Ankunft in der heiligen Stadt drängend erwarteten, hörte er plötzlich einen Blinden, der ihn um Heilung anflehte. Und Jesus blieb stehen. Alles andere konnte warten, nur dieser arme Blinde am Wegrand war jetzt wichtig. Jesus hatte Zeit für ihn und schenkte ihm das Augenlicht.

Damit stellte Jesus uns wieder das Bild des guten Vaters und der guten Mutter vor Augen, zu dem eines seiner Kinder mit einer Bitte kommt. Der Vater wird das Kind liebvoll aufnehmen und ihm seine ganze Aufmerksamkeit schenken: er hat Zeit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.