«Mir fahre mit der BLS»

So wie an manchen Morgen unter der Woche stand ich auch heute auf dem Perron vom Bahnhof Hasle-Rüegsau und wartete auf den Zug, der mich nach Solothurn bringen sollte. Es war ein kalter Wintermorgen und alle Wartenden waren froh, als der BLS-Zug pünktlich eintraf und sich die Türen zu den geheizten Personenwagen öffneten. Nun aber rasch einsteigen, einen freien Platz suchen, freundlich fragen, «…Isch da no frei?» und dann hinsetzen und aus dem Fenster blicken, wie sich der Zug schon wieder in Bewegung setzt. Nun kann ich es mir während vierzig Minuten behaglich machen und ein schönes Buch lesen. Und genau so rasch wie der Zug vorbei an Häusern, Dörfern und Wäldern in Richtung Mittelland rollt, vergeht auch die Zeit wie Fluge.

Pendelzug RBDe 566 I. Quelle: BLS

Wie lange mache ich das jetzt schon? Bald ein Jahr! Damals, als ich die ersten Zugfahrten nach Solothurn unternahm, empfand ich die Fahrt als lange; aber heute kommt es mir vor, als hätte sich die Zeit bis zur Ankunft in der Ambassadorenstadt mit jedem Tag im Zug verkürzt. Fast lautlos und sanft schwebt der Zug über die Geleise und wenn ich aus dem Fenster blicke, muss icn staunen, wie schnell wir doch unterwegs sind. Alles rauscht am Fenster vorbei, Dörfer und Felder fliegen vorüber, jeden Moment gibt es etwas neues zu entdecken. Und im Wechsel der Jahreszeiten verwandeln sich die Landschaften, die durch das Fenster zu sehen sind. Heute auf der Heimfahrt, schien die Sonne am blauen Himmel und auf der grossen Ebene um Utzenstorf leuchteten die weiten, schneebedeckten Felder in strahlendem Weiss. So lege ich immer wieder das aufgeschlagene Buch beiseite und staune über all die Bilder, die sich im Wechsel der Jahres- und Tageszeiten in einem fort anders zeigen. Ich staune über einen grossen Lindenbaum, der immer derselbe ist, aber doch an jedem Tag wieder ein anderes Bild von sich gibt.

So blicke ich aus dem Fenster und geniesse die Fahrt. Und dann, dann kommt mir ein Lied in den Sinn, das wir früher im Männerchor sangen: «Mir fahre mit der SBB i ds schöne Schwyzerland, Frou, wo isch mis Sunntigsgwand?…». In diesem Lied wird das Bahnfahren als ein Erlebnis geschildert, etwas besonderes, auf das wir und schon am Vortag freuen. Der Zug bringt uns sicher zum Ziel, das wir uns für diesen Tag ausgesucht haben. Und während der Fahrt, da bleibt viel Zeit, die Landschaft zu geniessen, zu dorfen und brattigen. Oder um neue Bekanntschaften zu schliessen. Ist das heute auch noch so? Ist Zugfahren noch ein Erlebnis? Wenn ich in Solothurn an den einfahrenden Schnellzug aus Zürich denke, habe ich diesen Eindruck gar nicht. Die meisten Menschen, die durch die Fenster zu sehen sind, tippen auf einem Notebook, telefonieren mit ihrem iPhone oder sind sonstwie sehr beschäftigt. Die Fahrt im Zug wird für das Geschäft genutzt, mit einem Handgriff ist das mobile Büro aufgeklappt und per Wireless Connection öffnet sich eine Türe in das Internet. Gewiss, diese Menschen befinden sich auf dem Weg zur Arbeit, sie sind ja nicht auf einem Ausflug.
Aber dann erblicke ich eine Gruppe von etwa dreissig Kindern und zwei Lehrerinnen. Die Kinder tragen Rucksäcke und sind guter Dinge, sie lachen, machen Spässe und sind voller Ereignisfreude. Und kaum sind sie im Zug, beginnen sie auch schon, alles zu erkunden, kramen ein Znüni aus dem Rucksack oder versuchen, das Fenster herunter zu ziehen, um noch einen Blick auf des Bahnhofsareal zu erhaschen, bevor der Zug sich in Fahrt setzt. In den hellen Augen dieser Kinder spiegelt sich eine glückliche,freudige Erwartung auf die Erlebnisse des kommenden Tages. Und auch mir macht es Freude, diesem munteren Treiben zuzusehen. dass es da laut und ungestüm zu und hergeht, stört mich nicht.

Und dann bin ich mir wieder ganz sicher: Bahnfahren ist doch ein Erlebnis!

Nachtrag: Bald ein Jahr fahre ich nun mit der BLS nach Solothurn zur Arbeit. Und wieder zurück. Und in all den Tagen gab es nur sehr selten Zwischenfälle. Ich erachte dies nicht als Selbstverständlichkeit, besonders jetzt, da noch immer Schnee und Eis den Fahrbetrieb beeinträchtigen. So will ich es nicht versäumen, der BLS herzlich für ihre zuverlässigen und freundlichen Dienstleistungen zu danken.

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