Diagnose für das Oberemmental: Hausärztemangel

An einer Veranstaltung des Oberemmentaler Ärztenetzwerkes wurde über den bevorstehenden Hausärztemangel informiert. Über mögliche Lösungsansätze wurde lebhaft diskutiert.

Die ersten Zahlen und Fakten, die Dr. Jürg Schlup bei seinem Vortrag präsentierte, zeichneten noch ein erfreuliches Bild der hausärztlichen Versorgung in der Schweiz: Fast die Hälfte aller Patienten erreicht die Arztpraxis in zehn oder weniger Minuten und mehrheitlich kommt es zu keinen nennenswerten Wartezeiten. Zudem sind die Leistungen und Möglichkeiten in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Dennoch steht die Hausarztmedizin am Vorabend einer ernst zu nehmenden Versorgungslücke. Um auf dieses Problem aufmerksam zu machen, lud das Ärztenetzwerk oberes Emmental zu einer gesundheitspolitischen Informationsveranstaltung mit anschliessender Diskussion ein.

Auch Ärzte werden älter
Die Gründe für den sich abzeichnenden Ärztemangel sind vielfältig, wobei der demographische Aspekt eine wichtige Rolle spielt. Gemäss Jürg Schlup betrug das Durchschnittsalter der Ärztinnen und Ärzte 2011 53 Jahre. Fast die Hälfte der ambulanten Grundversorger werden innerhalb der kommenden zehn Jahre in Pension gehen. Zugleich nehmen die Konsultationen zu, da die Gruppe der Patienten, die das 65 Lebensjahr überschritten hat, wachsen wird. In bezug auf die Ärzteausbildung zeigte der Präsident der FMH Zahlen auf, die nachdenklich stimmen: Obwohl gemäss Bundesrat pro Jahr 1200 bis 1300 Arztdiplome ausgestellt werden sollten, waren es 2013 nur deren 836. Dass immer mehr Praktizierende in Teilzeit arbeiten, verschärft die Situation zusätzlich. Jürg Schlup konnte in seinem Referat indes auch über ermutigende Trends berichten: Die Erhöhung der Studienplatzzahlen zeigt erste Wirkung und an den Universitäten wird die Hausarztmedizin im Studium gezielt gefördert.

Mindestens zehn neue Stellen
Auf die Frage, wie sich der Ärztemangel auf die Region auswirkt, gab die Langnauer Hausärztin Dr. Monika Reber Feissli eine klare Antwort: Schon heute werden mehr als 1000 Einwohner von einem Arzt mit einem vollen Arbeitspensum betreut. Wenn nicht bald etwas geschieht, dann wird die Zahl der Einwohner pro Grundversorger in den nächsten acht Jahren auf über 2000 ansteigen. Das Ergebnis: Die Wartezeit für eine Konsultation wird markant steigen, die Hausärztinnen und -ärzte sind überlastet. Um das Problem zu lösen, müssten in den kommenden acht Jahren in Langnau mindestens zehn neue Stellen für Haus- und Kinderärzte geschaffen werden. Monika Reber erwähnte in diesem Zusammenhang das Gesundheitszentrum, das in Langnau bisher nicht verwirklicht werden konnte. Dieses hätte aber viele Vorteile, unter anderem erlaubt es flexiblere Arbeitszeiten für die Ärzte. Deshalb will sich das Ärztenetzwerk weiterhin für die Schaffung eines Gesundheitszentrums einsetzen.

Spital als wichtige Voraussetzung
Nach den Referaten gab es eine angeregte Diskussion, die von Christian Lüscher moderiert wurde. Mehrfach angesprochen wurde die Zurückhaltung junger Ärzte beim Investieren in eine Praxis. Jürg Schlup erklärte, dass diese Haltung auf realistischer Einschätzung beruhe. Denn die Tarife seien in den vergangenen Jahren gesenkt worden. Ferner sei es heute schwieriger, von der Bank ein Startkapital zu erhalten. Der Langnauer Arzt Markus Bieri wies darauf hin, dass mit dem Erhalt des Regionalspitals in Langnau eine wichtige Voraussetzung für die Gesundheitsversorgung geschaffen worden sei. Aber: die Probleme müssten nun rasch unter Einbezug der Öffentlichkeit angegangen werden.

Infos Ärztenetzwerk oberes Emmental: www.n-oe.ch

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