Die Folgen eines Steinwurfes

«Der Mensch hat einen unbesiegbaren Hang, sich täuschen zu lassen.» — Friedrich Nietzsche

Wissen Sie, was ein Schmetterlingseffekt ist? Der Begriff hat seine Wurzeln in der Meteorologie, dort wird damit der Effekt bezeichnet, dass in manchen Systemen kleine Ursachen grosse, meist unvorhersehbare Wirkungen haben können. So kann ein einziger Flügelschlag eines Schmetterlings an einem anderen Ort auf der Erde in einer langen Ursachen/Wirkung-Kette einen Orkan auslösen.

Im Frühjahr 1947 durchzogen einige Beduinen mit ihrem Ziegen das Gebiet am Nordwestufer des toten Meeres. Wenn wir den Berichten der Hirten Glauben schenken wollen, dann trug sich eines Tages folgendes zu: eine Ziege hat sich in den Felsen verlaufen und Muhammed edh-Dhib machte sich auf die Suche nach dem Tier. Er kletterte über die kahlen Felsen und warf Steine in die Löcher und Felsöffnungen. Daran ist eigentlich nichts besonderes. Aber einer von Muhammeds Steinen hatte wie beim Schmetterlingseffekt eine grosse, weltumspannende Wirkung. Der Steinwurf förderte einen der grössten archäologischen Schätze zutage.


Siedlung Qumran (Quelle: Wikipedia)

Die Höhle, die dem Beduinen als Wurfziel diente, enthielt Tonkrüge mit den bis heute ältesten Abschriften alttestamentlicher Bücher, sowie bisher unbekannte jüdische Schriften aus der Zeit des neuen Testaments. Die Sicherstellung der äusserst wertvollen Funde war oft abenteuerlich, denn die Beduinen witterten das grosse Geschäft. Sie verkauften die gefundenen Schriftrollen und Fragmente möglichst teuer und durchkämmten auch die anderen Felsen rund um die Ruinen von Qumran. Insgesamt wurden 10 weitere Höhlen mit Schriftfragmenten oder Überresten entdeckt.

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Höhlen in Qumran (Quelle: Wikipedia)

In den folgenden Jahren wurden die Funde gesammelt und der wissenschaftlichen Untersuchung zugeführt. Auf die Forscher wartete eine schwierige Aufgabe: Mehrere 10.000 Fragmente, einzelne davon kaum grösser als eine Briefmarke, mussten sortiert und – soweit möglich – wieder zusammengefügt werden. Doch damit der Schwierigkeiten nicht genug: Die Fragmente stammten aus verschiedenen Zeiten und enthielten unbekannte Texte, die von mehreren Verfassern aufgeschrieben worden sind. Und: Rund 80% der Fragmente sind verloren! Es ging nun darum, aus diesem riesigen Puzzle die ursprünglichen Texte wiederherzustellen.

Leider kam es bei der Veröffentlichung der Texte wiederholt zu Verzögerungen. Trotzdem ist alles publiziert worden und heute für jedermann zugänglich. 1993 konnte Rainer Riesner in seinem Buch «Jesus, Qumran und der Vatikan» auf die Frage, was bisher nicht veröffentlicht worden sei, folgende Antwort geben: «Im Prinzip keine mehr. Jeder, der hebräisch und aramäisch versteht, kann sich an der Erforschung der letzten bisher unzugänglichen Qumran-Schriften beteiligen.»

Und leider fanden sich bald auch Leute ein, die – wie die Beduinen – ein Geschäft witterten. Diesmal aber nicht durch den Schacher mit Papyrus- und Pergamentfragmenten, sondern mit Sensationsjournalismus. Obwohl schon bald klar war, dass die Funde aus dem 2. und 1. Jahrhundert v.Chr. stammten, tauchten bald Theorien auf, die die Schriften mit dem frühen Christentum in Verbindung bringen wollten. Robert H. Eisenman und Barbara Thiering entwarfen die Thesen, dass in den essenischen Texten ein «Lehrer der Gerechtigkeit» niemand anderes sei, als Johannes der Täufer. Auch Erwähnungen von Jesus Christus und Paulus wollen Eisenman und Thiering in den Texten entdeckt haben. Als Folge dieser Spekulationen tauchten bald Verschwörungstheorien auf, die den Vatikan beschuldigten, wichtige Qumran-Texte unter Verschluss genommen zu haben.


Im Brennpunkt vieler Verschwörungstheorien: Der Vatikan

1991 wurde unter internationaler Beteiligung ein C-14 Test durchgeführt. Dieser bestätigte die älteren, paläographischen Datierungen der Funde: 200-100 v.Chr. Die Texte stammen aus vorchristlicher Zeit, es deutet vieles darauf hin, dass sie aus der Bibliothek der Essener-Siedlung in Qumran stammten. Es existiert nur ein einziges Fragment, das einen Ausschnitt aus dem Markus-Evangelium enthalten könnte. Der Text könnte aber ebensogut eine andere Quelle haben. Die Behauptung, der Vatikan habe wichtige Textzeugen verschwinden lassen, nennt Riesner absurd. Der Vatikan hatte mit der Auswertung der Funde gar nichts zu tun.

Mit ihren Spekulationen legten Thiering und Eisenmann das Fundament für zwei Sensationsjournalisten, die mit zwei Büchern für Schlagzeilen und für Millionenauflagen sorgten: Michael Baigent und Richard Leigh. Baigent und Leigh stellen in ihren Werken wilde Behauptungen auf, wollen entdeckt haben, dass Jesus verheiratet war und bis heute Nachkommen hat, dass der Vatikan in eine grosse Verschwörung verwickelt ist und dass es einen Geheimorden gibt, der die Geheimnisse des frühren Christentums hütet. Medienwirksam wurde 1991 die «Verschlusssache Jesus» auf den Markt gebracht und bis heute rund 400.000 mal verkauft. Der Buchdeckel des Buches versprach Enthüllungen, die die offizielle Kirche erschüttern würden. Unser Bild des Christentums sein nichts anderes als das Ergebnis einer gut organisierten Fälschung von Kaiser Konstantin.

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Betz/Riesner: Jesus, Qumran und der Vatikan – Klarstellungen

Was ist dran an diesen wilden Behauptungen von Baigent und Leigh? Nichts! 1993 verfassten Otto Betz und Rainer Riesner ihre Klarstellungen unter dem Buchtitel «Jesus, Qumran und der Vatikan». Sauber und gründlich werden darin alle Behauptungen von Baigent und Leigh bis ins Detail dekonstruiert! Es ist schade, dass dieses Buch in den Medien nicht dieselbe Aufmerksamkeit erhalten hat, wie die «Verschlussache». Aber so funktionieren leider die Massenmedien. Sensationsmeldungen haben Konjunktur, ob se auch stimmen ist zweitrangig.

Nach der «Verschlusssache Jesus» blieb es wieder einige Jahre ruhig um Qumran. Dann verfasste der amerikanische Bestseller-Autor Dan Brown «The Da Vinci Code», im Deutschland bekannt unter dem Titel «Sakrileg». In dem Roman werden wieder die Theorien von Baigent und Leigh aufgenommen: Jesus war verheiratet und hatte Kinder, das neue Testament ist eine Fälschung, der Vatikan vertuscht alles, etc. Brown gibt implizit sogar zu, dass er die Bücher von Baigent und Leigh als Ideenquelle verwendet hat. Sein «Gralsforscher» heisst Leigh Teabing. «Teabing» ist ein Anagramm von «Baigent».

Nun könnte man über alle diese irrigen Geschichten in Browns «Sakrileg» hinwegsehen, schliesslich ist es ja ein Roman, reine Fiktion. Man könnte das Buch getrost weglegen, wenn Brown nicht Anspruch auf Faktizität erheben würde. Aber genau dies tut er, wenn auf den ersten Seiten seines Thrillers unter dem Titel «Fakten und Tatsachen» folgendes schreibt: «Sämtliche in dem Roman erwähnten Werke […] sind wirklichkeits- bzw. wahrheitsgetreu wiedergegeben.»

Diese Behauptung stiess manchem Leser sauer auf, so auch dem Qumran-Forscher Alexander Schick. Als Antwort auf diese Anmassung verfasste er «Das wahre Sakrileg», in dem er all die abenteuerlichen Geschichten von Dan Brown gründlich und wissenschaftlich fundiert als Schwindel entlarvt. Leider wiederholt sich hier, was bereits vor mehr als 10 Jahren geschah: Während «Sakrileg» eine Millionenauflage hat, findet Schicks kluges Buch kaum Erwähung.

Sind wir damit am Ende der Geschichte angelangt? Wohl kaum. Denn dazu bietet der Themenkreis zuviele Angriffspunkte für Spekulanten und Sensationsmacher. Wir werden wohl bald wieder mit «bahnbrechenden Entdeckungen konfrontiert werden, welche die Kirche bis in’s Mark erschüttern werden». Die Presse wird das Thema wieder dankbar und genüsslich aufnehmen und viele werden sich wieder täuschen lassen.

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