Weihnachten in der klassischen Literatur

Hinweis (Dezember 2011): Die schriftdeutsche Fassung der Geschichte steht auf dem Blog von Tourismus Emmental online zur Verfügung. Gekonnt und gefühlvoll Illustriert hat die Geschichte Ueli Augstburger aus Lützelflüh.

Hinweis (November 2010): Die berühmte Geschichte «Wi der Zwölfischlegel Wienecht gfyret het» von Simon Gfeller gibt es neu in einem illustrierten Band, der beide Fassungen (Berndeutsch/Deutsch) enthält. Erhältlich ist das Buch in verschiedenen Onlineshops (z.B. buchhaus.ch) oder in jeder Buchhandlung.

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Nun ist sie wieder da, die Zeit der langen Nächte, Feld und Wiesen tragen ihr winterliches Gewand, ein kalter Wind weht die letzten, dürren Blätter von den Bäumen und der nächtliche Frost verhüllt mit seiner eisigen Hand alles unter einer weissen Decke. Das alte Jahr neigt sich seinem Ende entgegen, bald wird es wieder Weihnachten sein. Weihnachten, was gibt es doch alles über dieses besondere Fest zu berichten?

Weihnachten, das ist nicht nur das Fest der Hoffnung und der stillen Freude, es ist auch – für viele – eine Zeit der Geschäftigkeit. Wie schön ist es da, wenn auch etwas Zeit für Besinnung und innere Einkehr bleibt. Ich habe die freien Stunden vor Weihnachten oft genutzt, um eine schöne Weihnachtsgeschichte zu lesen. Als ich das erste Mal in eine Buchhandlung ging, um ein Buch mit einer Weihnachtsgeschichte zu erwerben, staunte ich. Stand ich doch vor einem grossen, festlich geschmückten Tisch, auf dem all die Kleinode ausgebreitet waren. Schön verarbeitete Geschichtensammlungen, kleine, zierliche Gedichtbände, Bilderbücher für Kinder (Kleine und Grosse), Hörbücher und bibliophile Werke mit den Klassikern.

Das erste Buch, das ich mit nach Hause brachte hiess «Weihnachtszeit, Texte aus der Weltliteratur» aus dem Manesse Verlag. Ich habe den Kauf nie bereut, fand ich doch in diesem Buch eine Erzählung, die es mir besonders angetan hat, ja die ich immer wieder mit Freude lese. Sie heisst «Nussknacker und Mausekönig», der Verfasser ist E.T.A. Hoffmann, der bekannte deutsche Dichter aus dem 19. Jh. Wenn wir die erste Seite aufschlagen, begeben wir uns auf eine Reise in das frühe 19. Jahrhundert, in das Haus des Medizinalrats Stahlbaum, kurz vor Weihnachten. Natürlich sind die Kinder Fritz und Marie aufgeregt, können das bevorstehende Fest kaum erwarten und rätseln darüber, was ihnen wohl herrliches einbeschert werden wird. Die Geschichte ist so lebendig und einfühlsam verfasst, dass wir die hellen, erwartungsvollen Augen der Kinder bildlich vor uns sehen.

Und dann passiert es: Durch ein Missgeschick fällt Marie zu Boden und wird bewusstlos. Von nun an werden Wirklichkeit, Traum und eine Märchenwelt, die in einem Kinderherzen erwächst und gerade deshalb so schön ist, wunderbar ineinander verwoben. Uns begegnet die bekannte Figur des Nussknackers, der all seine späteren Erscheinungen der Bild- und Tonkunst dieser Geschichte verdankt. Um ihn vor dem bösen, gefrässigen Mausekönig zu retten, bringt Marie grosse Opfer, wird zuletzt aber reich dafür belohnt. Vermöge ihrer Hilfe besiegt Nussknacker den Wüterich und bedankt sich bei seiner Demoiselle dadurch, dass er ihr sein Reich zeigt, eine Welt voll der schönsten Kostbarkeiten und Wunder. Am Ende der Geschichte wacht Marie auf, glaubt sich noch in der zaubrischen Welt des Nussknackers und findet nur allmählich ihren Weg zurück in die Wirklichkeit.

Von ganz anderer Gestalt sind die vier Bände der Berner Mundartdichterin Elisabeth Müller. Jeder der Bände hat einen eigenen Titel, nummeriert sind sie nicht mit Zahlen sondern viel passender mit Kerzensymbolen. Auf der Rückseite aller Bände ist der Ausschnitt einer Rezension aus dem Jahre 1933 zu lesen: «Bei Elisabeth Müllers Weihnachtsgeschichten ragt das Zeitlose, das Ewige in das Irdische, wie beim Kindlein im Stall.»

In allen Geschichten begegnen wir den verschiedensten Menschen mit allen ihren Sorgen, Nöten, aber auch Freuden und Hoffnungen. Da ist eine ältere Frau, die freudlos und verbittert ihr armseliges Leben fristet. Die Tochter des Arztes hat Mitleid und möchte ihr mit einem kleinen Geschenk zu Weihnachten eine Freude machen, wird aber schroff abgewiesen. Doch dann geschieht das Weihnachtswunder: Die Alte erleidet einen Unfall und wird im Haus des Arztes untergebracht. Als sie gebeten wird, das Kleinkind für eine Moment zu gaumen, bricht sie in Tränen aus und alle Dämme der während vieler Jahre aufgestauten Verbitterung brechen in der Christnacht entzwei. Die arme Seele litt ein Leben lang darunter, den Tod eines Kindes verschuldet zu haben und sieht in der Geste der Doktorsfrau die Bestätigung, dass Gott ihr vergeben hat.

Gibt es noch mehr Weihnachtsgeschichten in schweizerdeutscher Sprache? Oh ja, viele sogar! Ich will hier aber nur noch auf zwei hinweisen, wobei letztere nur in Teilen Mundart enthält. Die erste stammt aus der Feder von Simon Gfeller und heisst «Wi der Zwölfischlegel Wienecht gfyret het» oder in der deutschen Fassung «Zwölfischlägels Weihnachtsfeier». Zwölfischlegel ist der Name des Titelhelden dieser Erzählung, eines armen, verlassenen Landstreichers, der am Beginn der Geschichte in einer wenig erfreulichen Lage ist. Seine Magen ist so leer wie seine Schnapsflasche und seine schäbigen Kleider bieten nur wenig Schutz vor der eisigen Kälte und dem Schneewind, der ihm in’s Gesicht bläst. Auf einem stattlichen Bauerngut findet er Unterschlupf und da die Kinder es wünschen, wird er zur Weihnachtsfeier in die Stube eingeladen. Die nun folgende Weihnachtsfeier hinterlässt bei Zwölfischlägel einen tiefen Eindruck. Wie anders könnte man erklären, dass er ein kleines Geschenk bis zu seinem Tode bei sich behält und auch in seiner letzten Stunde nicht hergeben will?

Die zweite Geschichte stammt von Jermias Gotthelf höchstpersönlich, ihr Titel ist etwas lang geraten: «Merkwürdige Reden, gehört zu Krebsligen zwischen zwölf und ein Uhr in der Heiligen Nacht». Gotthelf macht hier eine alte Sage zum Thema, derzufolge die Tiere in der heiligen Nacht während einer Stunde sprechen können. Der Dichter führt uns in den Stall einer Herberge, wo wir den Pferden, Hunden und anderen Tieren lauschen können. Und was haben sie zu sagen? Nichts schmeichelhaftes, solange es um ihre Besitzer und um die Stallknechte geht. Nun macht Gotthelf auf die Missstände bei der Tierhaltung aufmerksam. Er hat ein Herz für diese Geschöpfe und weiss, dass derjenige, der ein Tier plagt, auch beim Mitmenschen nicht Halt machen wird! Mächtig und kraftvoll, aber auch geistreich und schalkhaft erhebt sich die Stimme des Pfarrers um in den hoffnungsvollen Strophen eines Gedichtes zu gipfeln: «Friede sei in dieser Stunde Mit der Tiere grossem Bunde!».

Ich muss nun noch einmal zur deutschen Sprache zurückkehren. Eingangs erwähnte ich das Buch aus dem Manesse Verlag. Irgendwann hatte ich alle darin enthaltenen Geschichten gelesen, einige davon mehrmals. Ob es wohl noch mehr Manesse-Bände zu diesem Thema gibt? Ja, es gibt sie! Zumindest einen mit dem Titel «Weihnachten, Prosa aus der Weltliteratur». Darin finden sich Texte von Adalbert Stifter, Theodor Storm, Maxim Gorki und vielen anderen, darunter auch Hans Christian Andersen. Ergänzt wird der Band mit der Weihnachtsgeschichte nach Lukas und Matthäus, sowie mit 10 Farbtafeln aus der Kathedrale von Chartres.

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