Mein Lied klingt bis in den Himmel

Der folgende Text erschien am 2. Februar 2005 in der MZ als Leserbrief:

Mein Federkleid ist ohne Farben, ganz schwarz ist es. Und meine Stimme tönt nicht wie die der Amsel oder Lerche. Nein, sie ist laut und rauh. Liegt es wirklich nur daran, dass Ihr Menschen mich nicht leiden könnt? Habt ihr denn nicht gesehen, wie meine Augen glänzen, wie ich schön und elegant bin, wenn ich meine Flügel ausbreite? Und wenn ich dann weit über den Baumwipfeln schwebe, dann klingt mein Lied dem Himmel entgegen. Es gefällt dem, der mich erschaffen hat. Frei und leicht ziehe ich meine Kreise und sehe auf die Welt herab. Ja, Ihr Menschen, das könnt ihr nicht.

Doch was habe ich euch zuleide getan, dass ihr mich jetzt vergiften wollt? Sind es wirklich nur die paar Samen auf dem Felde? Gewiss habe ich ein paar davon aufgepickt, aber es bleibt ja noch mehr als genug für euch übrig. Vergiften wollt ihr mich, auf dass ich einschlafe und in diesem kalten Winter erfrieren muss. Sterben soll ich, weil ihr meint, es gäbe zuviele von uns. Töten wollt ihr mich, damit ich nicht mehr singen und Freude am Leben haben kann.

Habe ich denn nicht dasselbe Recht auf mein Leben wie Ihr Menschen? Habt ihr vergessen, dass auch eine Krähe eine Seele hat? Doch vergesst eines nicht, ich bin klüger als mancher von euch und bemerke alles! Ja, ich will weiter leben und denen eine Freude machen, die mich noch gerne haben. Den anderen werde ich frech und laut verkünden: Seht, ich bin noch da!

Ein Gedanke zu „Mein Lied klingt bis in den Himmel

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