An der Schwelle zur Ewigkeit

Ein letztes mal öffnet ein Mensch seine Augen, er nimmt noch einmal das Licht dieser schönen Welt wahr, noch einmal sieht er, wie ein Sonnenstrahl das Zimmer erhellt. Aber dann schliessen sich seine Augen für immer. Doch was geschieht nun? Ist die Seele nun frei von aller Angst und von allem Schmerz? Erhebt sie sich in eine lichte Sphäre der Ewigkeit? Oder wartet nur ein unsagbares Nichts auf sie? Das mögen Fragen sein, die sich der Mensch stellt, seit er ein Bewusstsein hat. Aus sehr persönlichen Gründen habe ich in den letzten Wochen und Monaten über diese ernste Frage nachgedacht. Ganz kurz möchte ich hier zusammenfassen, was ich dabei entdeckt habe. Vielleicht hilft es jemandem in der Zeit der Trauer.

Manche sagen, dass wir nach dem Tod dort sind, wo wir vor der Geburt waren. Aber diese Annahme kann nicht zufriedenstellen. Sie wirft nur neue Fragen auf!

Die wertvollste Quelle, um Hinweise auf die Frage zu finden, was im Moment des Sterbens geschieht, ist das neue Testament. Die gute Nachricht ist der am besten überlieferte Text aus der Antike; was wir heute in den 27 Büchern des neuen Testaments lesen, entspricht dem, was schon die ersten Christen in Rom, Athen oder Antiochia lasen. Das ist wichtig zu wissen, denn das Vertrauen ist eine wichtige Voraussetzung für das Verständnis eines Textes. Welches ist die zentrale Botschaft des neuen Testaments?

Jesus, seine Jünger und die ersten Missionare berichten uns von einem liebenden und barmherzigen Gott. Wer sich ihm vertrauensvoll zuwendet, wird von seiner unbedingten Liebe umfangen und getragen. Und wer vertraut, kann diese Gegenwart Gottes fühlen in jedem Moment seines Lebens! Liebe empfangen und selbst weitergeben, das ist ein Grundwert des Christentums. Doch nun, was geschieht im Moment des Sterbens? Grosse, kaum vorstellbare Angst von dem Ungewissen und oft auch furchtbare Schmerzen quälen den Sterbenden. Ein liebender Gott wird niemals zulassen, dass eine gebrochene Seele noch mehr leidet! Hat ein Mensch die Schwelle zur Ewigkeit überschritten, ist er nicht allein, er wird von einem Himmelsboten aufgefangen, getröstet und getragen.

Hört das Herz auf zu schlagen, kann es zu Nahtoderfahrungen kommen; messbare Hirnaktivitäten gibt es keine mehr, dennoch behalten die Sterbenden ihr Bewusstsein und sogar ihre Erinnerung! Seit tausenden von Jahren und in allen Kulturen dieser Welt gleichen sich diese Nahtoderfahrungen. Menschen, die den Weg zurück ins Leben fanden, berichten von einem hellen Licht, das sie umgibt, von einen tiefen Gefühl des Glücks und der Geborgenheit. Sie sind ihrem Engel begegnet, der seine schützenden Hände über sie hielt. Menschen, die Engeln begegnen, beschreiben sie oft in ähnlicher Weise. «Seine Gestalt leuchtete wie ein Blitz, und sein Gewand war weiss wie Schnee»1, so beschreiben zwei Augenzeuginnen einen Engel im Matthäus Evangelium. Als den Hirten auf dem Feld nachts ein Engel erschien, «umgab sie die Herrlichkeit des Herrn mit ihrem Glanz.»2 So überliefert es der Evengelist Lukas. Und als Petrus von einem Engel aus dem Gefängnis befreit wurde, erstrahlte ein helles Licht im finsteren Gefängnis. Wo Engel sind, ist Licht. Es ist dieses Licht, das den Sterbenden umgibt und beschützt.

Was sagt das Evangelium noch über diesen Lebensmoment, den wir ernst nehmen, aber nicht fürchten müssen? Auf die Fangfrage eines Theologen hin gibt Jesus einen wichtigen Hinweis; er sagt dass wir sein werden wie die Engel. Und der Apostel Johannes verspricht in der Apokalypse, dass alles Leid ein Ende haben wird: «Gott wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid und keine Schmerzen.»3 Gerade beim Johannes lohnt es sich, noch einmal hinzuhören. Er stand Jesus besonders nahe und betonte mehrfach, dass das ewige Leben durch die Gegenwart Gottes schon hier auf Erden beginnt, nicht erst nach dem Tod. So zitiert er Jesus in einer der schönsten Bibelstellen:

«Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer lebt und an mich glaubt, wird niemals sterben.»4

Der Tod ist kein Ende, weil er den Menschen nicht von Gott trennen kann.

Bleiben wir noch etwas bei Johannes. Er ist Zeuge, als Jesus in Jerusalem seine Abschiedsrede hält. Er sagt zu seinen Weggefährten, dass er sie bald verlässt. Ihnen aber einen Platz im Himmel vorbereiten wird. Und weiter: «Und wenn ich einen Platz für euch vorbereitet habe, werde ich wieder kommen und euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.»5 Die Gemeinschaft der im Glauben vereinten ist wichtig und wird im neuen Testament immer wieder hervorgehoben. Johannes hat ein Gebet von Jesus aufgezeichnet, das dieser an jenem Abend sprach. Darin heisst es unter anderem: «Ich bete aber nicht nur für sie (die Jünger), sondern auch für die Menschen, die auf ihr Wort hin an mich glauben werden. Ich bete darum, dass sie alle eins sind – sie in uns, so wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin.»6 Gibt es nach dem Tod eine Wiedervereinigung mit den lieben Weggefährten des vergangenen irdischen Lebens? Aus christlicher Sicht ist die Antwort ein ganz klares Ja!

Und noch etwas fällt auf, wenn wir Johannes zuhören. Es geht um das Licht, das nicht nur Engel umgibt. Johannes setzt das Licht mit Gott gleich. So gibt er wieder, was Jesus gesagt hat: «Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umherirren, sondern wird das Licht des Lebens haben».7 Und an einer andere Stelle: «Solange ihr das Licht habt, glaubt an das Licht, damit ihr Kinder des Lichtes werdet!»8 Was der Mensch in dieser Welt erblickt, ist eine Ahndung dessen, was ihn erwartet, wenn er die Schwelle zur Ewigkeit überschreitet. Was zuvor nur schemenhaft aus der Entfernung zu erkennen war, umgibt ihn nun mit aller Kraft und Grösse der Liebe Gottes.

Alle Zitate stammen aus der neuen Genfer Übersetzung:
Matth. 28,3; 2. Luk. 2,9; 3. Offenb. 21,4; 4. Joh. 11,25-26; 5. Joh. 14,3; 6. Joh. 17,20-21; 7. Joh. 8,12; 8. Joh. 12,36.

Literatur: Strobel, Lee: Dem Himmel auf der Spur.
Tobler, Gustav: Kein Tod mehr – Wann beginnt das ewige Leben?

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